Von:
Arne Langbein

e-kreuz.de

Ich bin in Hamburg geboren. Dort stehen naturgemäß nicht besonders viele Kreuze oder Kruzifixe herum. Mein erstes sah ich mit etwa vier Jahren in einem Krankenhaus. Gegenüber der Tür zu dem Zimmer, in dem mein kranker Vater lag, hing ein großes Kruzifix. Der leidende Mann da prägte sich mir ein. Ich wollte wissen, wer das ist. Jesus sei das, und der sei da gestorben, sagte man mir. Mein Vater starb dann auch und ich kam bald darauf nach Regensburg in Bayern. Hier traf ich den Mann am Kreuz sprichwörtlich an allen Ecken und Enden wieder. Ich wollte mehr von ihm wissen. Er tat mir leid, mir dem Kind. Ich ihm vielleicht auch? – jedenfalls ließ er mich nicht mehr los.

Menschen teilen ihre Wahrheiten gern über Bilder mit. Das Kreuz ist das Bild, das mich zur Wahrheit Gottes führte. Deswegen habe ich es lieben gelernt. Heute bin ich bayerischer evangelischer Pfarrer und viele fragen mich, warum es bei mir zu Hause so viele Kreuze gibt. Das sei doch eher katholisch. Das sehe ich nicht so. Der Gekreuzigte soll bei mir daheim sein, weil ich bei ihm daheim sein will.

Fragen stelle ich, wenn das Kreuz als Schmuck dient oder als Zeichen von Macht. Angesichts all der goldenen und silbernen Mini-Kruzifixe, die man sich um den Hals hängen kann, ob man nun mit dem Gekreuzigten etwas anfangen kann oder nicht, trug ich als junger Mensch aus Protest dagegen ein Blechkreuz, das ich für 10 DM auf einem Heavy-Metal-Festival gekauft hatte. Billig, Schmucklos.

Immerhin: Gegen ein absolutes Bilderverbot kann ich schon aufgrund meiner Biographie nicht sein. Aber ich habe die Formulierung des Theologen Ernst Käsemann im Kopf: man habe das Kreuz nicht auf der Brust, sondern auf dem Rücken zu tragen. Und: Martin Luther plädierte schon früh für eine Theologie des Kreuzes; eine Theologie des Ruhmes verfehle das Ziel. Hier müssen sich evangelische Christen öfters besinnen: Ruhm hat mit Stolz zu tun, und davor sind auch wir nicht gefeit.

Was sind wir nicht oft stolz auf unsere Kirchenbauten, unsere Gemeindeaktivitäten, unser Spendenaufkommen, unsere Chöre. Durch wen haben wir das alles? Durch den Gekreuzigten. Dessen Ende war kein stolzer Abgang. Freuen dürfen wir uns, weil wir durch ihn das Leben gewinnen, auch mein verstorbener Vater. Das sollte es denn aber auch gewesen sein.

In meinem Pfarrbüro hängt ein altes geschnitztes Kruzifix, gerettet aus einem Raum, den es schon lange nicht mehr gibt. Auch wenn ich fern jedes Aberglaubens zu stehen meine: es hilft ab und zu, wie Don Camillo mit dem da am Kreuz zu reden. Ein Kreuz markiert ja auch einen Standort. Mir zeigt es den Standort der Freude verbunden mit Stille. Ich wünsche jedem Menschen so ein Kreuz, wo er zu sich finden kann im Angesicht dessen, der ihn liebt. Im Krankenhaus oder anderswo.